Neben den Kirchenbüchern von Hohegeiß habe ich vor einiger Zeit begonnen, auch die Register des Standesamtes der Gemeinde Hohegeiß auszuwerten.

Dabei bin ich im Juni 1945 auf eine Eheschließung gestoßen, die es wirklich in sich hat.

Am 3. Juni 1945, nur wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, heiratet in Hohegeiß der in Berlin-Tempelhof geborene Kaufmann Hans Georg Willi Pasch eine in „Kief“ geborene Schauspielerin namens Inna Florow-Bułhak.

„Kief“ – genau so steht es im Hohegeißer Standesamtsregister.

Auszug Standesamtregister

Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handele sich um eine von vielen Hochzeiten jener schwierigen Nachkriegszeit. Menschen hatten ihre Heimat verloren, waren auf der Flucht gewesen oder versuchten, nach Jahren des Krieges irgendwo neu anzufangen.

Doch der Beruf der Braut machte mich neugierig.

Schauspielerin.

Wer war diese Frau? Und was hatte sie nach Hohegeiß verschlagen?

Also begann ich, nach dem Namen des Bräutigams zu recherchieren.

Was ich dabei fand, hätte ich in einem Hohegeißer Standesamtsregister nicht erwartet.


Von Warschau nach Hohegeiß

Die Schauspielerin hieß Inna Florow-Bułhak und war unter ihrem Künstlernamen Ina Benita bekannt. Sie wurde 1912 in Kiew geboren und gehörte in der Zwischenkriegszeit zu den bekannten Schauspielerinnen des polnischen Films.

Hans Pasch und Ina Benita hatten sich bereits während des Krieges in Warschau kennengelernt. Nach den später ausgewerteten Dokumenten bestand spätestens seit 1943 eine enge Beziehung zwischen den beiden.

Die Kriegsjahre waren für beide von dramatischen Ereignissen geprägt.

Ina Benita wurde 1944 verhaftet und kam in das berüchtigte Gefängnis Pawiak in Warschau. Dort brachte sie am 7. April 1944 ihren Sohn Tadeusz Michał Pasch, genannt Teddy, zur Welt.

Nach Kriegsende fanden Hans und Ina wieder zusammen.

Und ihr Weg führte sie nach Hohegeiß.

Bereits am 22. Mai 1945 ist ihr Aufenthalt dort dokumentiert. Nur wenige Tage später, am 3. Juni 1945, heirateten Hans Pasch und Inna Florow-Bułhak im Standesamt von Hohegeiß.

Für mich ist das einer der faszinierendsten Aspekte dieser Geschichte: Während ich in einem alten Hohegeißer Register zunächst nur eine Eheschließung gefunden hatte, lässt sich heute nachvollziehen, dass sich hinter diesem Eintrag eine Frau verbarg, deren Lebensgeschichte weit über den Harz hinausreicht.


Eine kurze Zeit des Glücks

Nach der Hochzeit zog die junge Familie nach Rhumspringe.

Dort wurde am 28. Juli 1945 die gemeinsame Tochter Rita Anna geboren.

Doch das Glück dauerte nur wenige Tage.

Rita Anna starb bereits am 31. Juli 1945, nur drei Tage nach ihrer Geburt.

Für Ina Benita und Hans Pasch war dies der erste schwere Schicksalsschlag in einer Zeit, die ohnehin von den Folgen des Krieges geprägt war.

Doch es sollte noch schlimmer kommen.


Der Tod von Hans Pasch

Am 15. November 1945 wollte Hans Pasch seinen Lastkraftwagen verkaufen und machte sich deshalb auf den Weg nach Duderstadt.

Er kehrte nicht mehr zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn Teddy nach Rhumspringe zurück.

Nach den später aufgefundenen und ausgewerteten Unterlagen wurde Pasch an einer Bushaltestelle von mehreren Arbeitern überfallen. Er versuchte zu fliehen, wurde jedoch verfolgt.

Die Verfolgung endete in einem Waldstück bei Rüdershausen.

Dort wurde Hans Pasch getötet.

Seine Leiche blieb zunächst verschwunden. Erst Monate später, am 18. Februar 1946, wurde sein Tod amtlich beurkundet.

Die britische Polizei nahm die mutmaßlichen Täter fest. Sie wurden später vor Gericht gestellt und verurteilt.

Damit hatte Ina Benita innerhalb weniger Monate ihre Tochter und anschließend auch ihren Ehemann verloren.


Auf der Suche nach ihrem verschwundenen Mann

Besonders beeindruckend finde ich, dass Ina Benita das Schicksal ihres Mannes offenbar nicht einfach hinnahm.

Nach seinem Verschwinden versuchte sie herauszufinden, was mit Hans Pasch geschehen war. Sie suchte nach Informationen und befragte Menschen in der Umgebung.

Als seine Leiche schließlich gefunden wurde, konnte der Fall aufgeklärt werden.

Auch die erhaltenen Dokumente erzählen ihre eigene Geschichte. So wurde Ina in der Sterbeurkunde ihres Mannes zunächst unter ihrem Künstlernamen „Benita“ geführt. Erst Jahre später wurde der Eintrag korrigiert und ihr tatsächlicher Geburtsname Florow-Bułhak ergänzt.

Für die genealogische Forschung ist so etwas besonders interessant.

Es zeigt, wie wichtig es ist, bei der Suche nach einer Person nicht nur nach einem einzigen Namen zu suchen. Künstlernamen, Schreibweisen und spätere Korrekturen können dazu führen, dass eine Person in unterschiedlichen Quellen völlig unterschiedlich erscheint.


Von Deutschland nach Frankreich und Amerika

Nach dem Tod ihres Mannes blieb Ina Benita zunächst noch in Deutschland.

Im Sommer 1946 verließ sie schließlich das Land und ging nach Frankreich. An der Côte d’Azur arbeitete sie unter anderem in Nizza und Cannes als Sängerin und Tänzerin.

Dort lernte sie den Amerikaner Lloyd Fraser Scudder kennen.

Am 25. Juli 1950 wurde in Nizza ihr gemeinsamer Sohn John Charles geboren.

Das Paar heiratete am 10. Juli 1954 in Casablanca.

1960 zog die Familie schließlich in die Vereinigten Staaten.

Ina Benita hatte damit ein völlig neues Leben begonnen – weit entfernt von Polen und Deutschland und weit entfernt von den dramatischen Ereignissen ihrer Kriegs- und Nachkriegsjahre.

Sie starb am 9. September 1984 in Pennsylvania.


Eine Geschichte, die jahrzehntelang falsch erzählt wurde

Besonders bemerkenswert ist, dass Ina Benitas tatsächliches Schicksal lange Zeit unbekannt war.

Über Jahrzehnte hielt man sie für tot. Es wurde angenommen, dass sie während des Warschauer Aufstands 1944 zusammen mit ihrem Sohn ums Leben gekommen sei.

Erst viele Jahrzehnte später wurde ihre tatsächliche Lebensgeschichte rekonstruiert.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei der polnische Journalist und Historiker Marek Teler. Seine Recherchen führten schließlich zu Dokumenten aus dem Familienbesitz, darunter auch Unterlagen von Hans Pasch.

Damit konnten wichtige Teile von Ina Benitas Nachkriegsgeschichte rekonstruiert werden.

Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zu Hohegeiß.

Denn eine der entscheidenden Urkunden dieser Geschichte ist die Hohegeißer Heiratsurkunde Nr. 4/1945.


Und dann führt die Spur nach Slowenien

Bei der weiteren Recherche stieß ich noch auf eine weitere bemerkenswerte Verbindung.

Hans Pasch hatte aus einer früheren Ehe einen Sohn namens Ingo Falk Pasch Wallersberg (1941–2021).

Auch dessen Lebensweg ist außergewöhnlich.

Ingo Pasch wurde später Rechtsanwalt, Dolmetscher und Politiker in Slowenien.

Nach der Unabhängigkeit Sloweniens gehörte er der ersten Regierung des Landes an und war von 1990 bis 1992 Minister für Tourismus und Gastronomie.

Damit führt die Geschichte, die mit einem Eintrag im Hohegeißer Standesamtsregister begann, schließlich sogar in die Politik des neu entstandenen Staates Slowenien.


Was in einem alten Register alles verborgen sein kann

Als ich den Eintrag vom 3. Juni 1945 zum ersten Mal gesehen habe, standen dort zunächst nur einige wenige Informationen:

Hans Georg Willi Pasch – Kaufmann

und

Inna Florow-Bułhak – Schauspielerin.

Ein paar Zeilen in einem alten Standesamtsregister.

Doch hinter diesen wenigen Zeilen verbarg sich eine Lebensgeschichte, die von Krieg, Flucht, Liebe und Verlust erzählt.

Eine Geschichte, die von Warschau nach Hohegeiß führte, weiter nach Rhumspringe und Rüdershausen, anschließend nach Frankreich und schließlich in die Vereinigten Staaten.

Und eine Geschichte, die Jahrzehnte später sogar eine Verbindung zur ersten Regierung des unabhängigen Slowenien aufweist.

Genau solche Entdeckungen sind es, die für mich die genealogische Forschung so faszinierend machen.

Denn manchmal findet man in einem Kirchenbuch oder Standesamtsregister nicht einfach nur einen Namen, ein Datum und einen Ort.

Man findet eine Geschichte.

Und manchmal ist diese Geschichte viel größer, als man es beim ersten Blick auf den Eintrag jemals hätte vermuten können.


Quellen und weiterführende Informationen

Für diesen Beitrag wurden neben dem Standesamtsregister der Gemeinde Hohegeiß insbesondere die später veröffentlichten Recherchen zur Lebensgeschichte von Ina Benita und Hans Pasch herangezogen.

Besonders hilfreich waren die Recherchen des polnischen Journalisten und Historikers Marek Teler, der zahlreiche Dokumente aus dem Umfeld der Familie Pasch ausgewertet und die bisher unbekannte Nachkriegsgeschichte von Ina Benita rekonstruiert hat.

Weitere Informationen finden sich unter anderem bei:

Die Schreibweise „Kief“ für den Geburtsort der Braut wurde bewusst aus dem historischen Hohegeißer Standesamtsregister übernommen.